Die Narren gaben mächtig Gas

Foto © Jan A. Pfeifer
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Die Prunksitzung des Musikvereins ist der Höhepunkt der Rauenberger Fassenacht

Rauenberg. (oé) „Aus des Programmes Fülle“ wollte er vorab zwar „nix enthülle“. Doch so viel verriet Bürgermeister Peter Seithel (übrigens in fescher Rennfahrermontur) in seiner Begrüßung zur Rauenberger Prunksitzung schon: „Wie immer gibt es Sketche, Musik, Tanz und Büttenreden – wer vieles bringt, bringt was für jeden.“ Und so war es dann auch am Samstagabend in der ausverkauften und bunt geschmückten Kulturhalle. Gut viereinhalb Stunden lang ließen es die Rauenberger Narren so richtig krachen, Programmdirektor Oliver Zeeb hatte alles meisterhaft arrangiert und konnte wahrlich aus dem Vollen schöpfen: prächtige Kostüme, mitreißende Tänze, köstliche Büttenreden, Schunkelrunden und famose Stimmungslieder zum Mitsingen – der närrische Cocktail des Musikvereins bot alles, was das Herz der Jecken begehrte.

Das ging schon los beim farbenfrohen Einzug des Prinzenpaars mit seiner Garde unter den schmissigen Klängen des Fanfarencorps Rauenberg. Dass Conférencier Carsten Wipfler (wie immer wortgewandt und souverän) das „Korps“ kurzerhand zum „Zug“ machte („Des koscht mich en Schorle, mindestens!“), nahm keiner krumm – schon gar nicht die Kapelle selber, die einen wilden Samba aufs Parkett legte und später auch das große Finale einläutete.

Dann war das Prinzenpaar selbst an der Reihe, das seinen ersten großen Auftritt (die nächsten folgen am Freitag bei der Seniorensitzung und am Samstag beim Rathaussturm) mit Bravour meisterte. Prinzessin Joelle I. (Hermida) und Prinz Rudi I. (Eckhard) erwiesen sich als Traumpaar, das sich gesucht und gefunden hatte. Prinzessin Joelle wollte sich dabei keinesfalls auf andere verlassen: „Was die mir noschtelle dede: en kloone Dicke oder en lange Bleede.“ Stattdessen erkor sie sich ihren Traumprinzen lieber selber. „Rudi der Erschte, des isch der Beschte.“ Auch Prinz Rudi genoss seine Rolle sichtlich: „Hier steh ich nun in voller Pracht und bin ab heute an der Macht“, reimte er und feuerte auch die eine oder andere Spitze ab: zum Beispiel gegen die Dielheimer Fußballer, deren Platz von Wildschweinen umgezackert wurde. „Wenn die wisste, was des gekoscht hot: die Wildsäu zu trainiere und nach Diele zu navigiere.“

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Was folgte, waren die humoristischen Grußworte des Bürgermeisters, „des Einzigen in der Ortspolitik, der derzeit nicht im Wahlkampf ist“, wie Zeremonienmeister Carsten Wipfler spöttelte. Der Rathaus-Chef blieb denn auch ganz unpolitisch, riss Witze und feierte die Fastnacht, „wenn Engel laut und flippig fluchen und schöne Prinzen Hexen suchen“. Schon etwas politischer waren da die neuen Straßenkehrer der Gemeinde, die Brüder Gregor und Alex Wipfler, indem sie die (für die Bürger) teure Stadtkernsanierung glossierten oder auch die Sparzwänge im Rathaus – „egal, was des koscht“. Fragt der Bürgermeister den Straßenkehrer, ob er abergläubisch ist. „Als ich ja gsagt heb, hot der mir gleich des 13. Monatsgehalt gstriche.“ Aber auch echten Kokolores hatte das schlagfertige Duo im Gepäck, etwa wenn es die langsame Aussprache der Malschenberger nachahmte – das Publikum jauchzte vor Vergnügen und zündete am Ende eine Rakete, um das Brüderpaar zu feiern (das sogar ein Trio war, denn Conférencier Carsten Wipfler ist der Dritte im Bunde).

Raketen stiegen an diesem Abend noch viele zum Hallendach – vor allem dann, wenn die verschiedenen Garden über die Bühne fegten. Sie sind unbestritten Herz- und Prunkstück der Rauenberger Fassenacht, angefangen bei den Kleinsten der Minigarde über die Junioren bis hin zur Prinzengarde, die auch diesmal wieder allesamt das Publikum mit ihren tänzerischen und akrobatischen Höchstleistungen zu Beifallsstürmen hinrissen – egal, ob es klassische Gardetänze waren oder aber Showtänze zu heißen Rhythmen. Die Bandbreite der coolen Musik reichte dabei von Helene Fischer bis zu den Boygroups der 90er. Die Trainerinnen Nicole Kachler und Sarah Stier sowie Andrea Stier als „Mutter der Garde“ hatten wieder ganze Arbeit geleistet und wurden zu Recht gefeiert – vom Publikum genauso wie von ihren Mädchen.

Dabei dürfen selbstredend auch die „Herren der Schöpfung“ nicht vergessen werden, die von Heike Schopf ebenso meisterhaft trainiert werden. Ganz so grazil wie die Garden war das Männerballett bei seinen Aerobic-Übungen zwar nicht, dafür aber zwerchfellerschütternd. Eine Zugabe wurde gerne gewährt, auch wenn sie die beleibte Truppe ganz schön ins Schnaufen brachte. Wie sagte doch Carsten Wipfler: „Da kommen alle Sünden der letzten Jahre raus.“

Zwischendurch hieß es immer wieder „Bühne frei“ für die Büttenasse des Musikvereins (die aber bisweilen etwas mit der Unruhe im Saal zu kämpfen hatten). Für Fastnachts-Urgestein Karlheinz Hartmann kein Problem. Als „Erbschleicher“ im weißen Anzug mit Zigarillo und Goldkettchen hatte der Routinier die Narrenschar im Nu im Griff, frei nach dem Motto: „Wer nix erheiert und nix ererbt, bleibt en arme Deifel, bis er sterbt.“ Also lebt er nach der Devise „will ich im Lewe was erreiche, muss ich schleiche, immer schleiche“, doch gönnt er dabei auch anderen was: „Eine Erbschaft für alle, des wünscht euch von Herze, em Hartmann sein Kalle.“ Ganz neue und für die Rauenberger Fassenacht ungewohnte Töne schlug Marion Stier an. Als Putzfrau schwäbelte sie munter drauf los (obwohl sie doch aus Rauenberg kommt), entblätterte sich zwischendurch ein bisschen (zu Joe Cockers „You can leave your hat on“), machte einen kurzen Einführungskurs in das rote Tantra Nr. 7 und kannte sich auch im Stuttgarter Landtag aus: Der Unterschied zu ihren Jeans? Da sitzen die Nieten außen.

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Nach der kurzen Pause sorgten die „Scheierborzler“ dafür, dass die Betriebstemperatur in der Halle schnell wieder in den roten Bereich stieg. Rasant begleitet von der Blaskapelle unter Bandleader Kai Spannagel („Kai, gib Gas!“) schmetterten die beiden stimmgewaltigen Sänger Karlheinz Hartmann und Rolf Sautner einen Stimmungshit nach dem anderen, dass das Publikum gar nicht anders konnte, als mitzusingen – egal ob beim „Knallroten Gummiboot“ oder der „Sierra Madre Sur“ (bei der sich die Halle in ein einziges Lichtermeer verwandelte). Gar nicht auf den Mund gefallen waren auch die beiden Seniorinnen Hanne und Lore (Monja Müller und Michelle Albicker), die sich ihren eigenen Reim auf „Fatzebook“ machten, mit Worten wie „Thrombose“ und „Traumbuse“ jonglierten und die Männer in dem Glauben ließen, sie hätten die Hosen an. „Aber welche, bestimmen immer noch wir.“ Ihrem Fazit war nichts mehr hinzuzufügen. „Alte Eisen habt nur Mut, die glühen mitunter höllisch gut.“

Dann war es schon wieder Zeit für das Alt-Prinzenpaar Christian Wirth und Anja Bieberle, dessen Doppelbütt seit Jahren Schluss- und Höhepunkt ist. Die beiden brachten so ziemlich alles aufs Tapet, was Rauenberg umtreibt: von den neuen Straßenleuchten, die den Schlaf rauben, bis zum „Ferienspaß für Erwachsene“, der Rauenberger Weinlaube, nicht zu vergessen die Verkehrssituation an der Kirche: „Wenn Gottesdienst isch im Angelbachdom, werre die Autos geparkt wie in Rom.“ Darauf ein dreifach kräftiges Rauberg Ralau. Zwischendurch hatte die Prinzengarde ihre umjubelten Auftritte. Egal, ob als Funkenmariechen im synchronen Gardetanz oder (zusammen mit den Junioren) als wilde Rock-Ladys zur Musik von Kiss oder Queen: Die Tänzerinnen bewiesen einmal mehr, warum sie der „ganze Stolz“ der Rauenberger Fastnachter sind.

Der Zeiger der Uhr war inzwischen auf Mitternacht vorgerückt: Zeit fürs große Finale, zu dem alle Akteure noch einmal auf die Bühne kamen, um sich vom Publikum feiern zu lassen. Den Soundtrack dazu lieferte das Fanfarencorps unter Hans-Peter Menges. Doch danach war noch lange nicht Schluss. Die bewährte Band „VIP-Club“ lud zum Tanzen ein und auch an der Bar wurde noch kräftig gefeiert. Fazit: Schee war’s widda!

 

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.